Dreissig Stunden für drei Tage

…und warum es sich dennoch gelohnt hat.

Hier der neue Reisebericht von Renate Kotz über ihre Projektreise, welche im November 2025 stattgefunden hatte.

„Pancha, where are you? I am at the parking lot but I can not find you.“, fragte ich Pancha am Telefon, nachdem ich ihn nirgendwo entdecken konnte. „I am on my way and will be there in a few minutes, Rena.“, antwortet er und weiter „You are too early.“. Ja, das war ich in der Tat. War die Landung meines Flugs von Doha nach Kathmandu für 8 Uhr vorhergesagt, so landeten wir schon um 7:30 Uhr. Und weil an der Einreisekontrolle kein Mensch vor mir war und es überdurchschnittlich schnell mit der Gepäckausgabe ging, war ich um fünf nach acht draussen vor dem Flughafengebäude. Rekordzeit! Wahrscheinlich einmalig in der Geschichte. Und jetzt stand ich hier im strahlenden Sonnenschein und wurde von allen Taxifahrern gefragt: „Mam, Taxi?“. Mit einem freundlichen „Hoinaa“ und einer entsprechenden Handbewegung lehnte ich alle Angebote ab. Nach wenigen Minuten kam auch schon Pancha mit einem breiten Lächeln im Gesicht anspaziert und schwupp di wupp sassen wir auch schon im Auto auf dem Weg in mein Hotel. Ich freute mich sehr, ihn wiederzusehen und fragte ihn gleich, wie es Sangita und seinen beiden Söhnen ging und es fühlte sich so an, als ob wir uns eben erst gestern gesehen hätten. Vor über 13 Jahren kreuzten sich die Wege von Pancha und mir und seither haben wir uns mindestens einmal pro Jahr gesehen und viel erlebt. Wir machten gemeinsame Bergtouren im Annapurna und Solukhumbu, sassen am einzigen Ofen der einfachen Unterkünfte, froren wie die Schneider, wenn wir die Sonnenaufgänge bestaunten, tauschten uns über unsere jeweilige Leben aus, er half mir über unzählige Hängebrücken, welche für mich der blanke Horror sind, aber was noch viel wichtiger war: wir hatten ein gemeinsames Ziel! Sein Heimatdorf Rapcha beziehungsweise die Menschen, die dort wohnen, zu fördern und zu unterstützen. Ohne Pancha wäre Re:Help niemals entstanden. Aber zurück ins Auto. Pancha fragte mich, ob es richtig ist, dass wir am Samstag früh um fünf Uhr nach Rapcha aufbrechen. Ich schaute ihn mit grossen Augen an und meinte: „Nein, nein. Wir fahren schon morgen früh! Du weisst doch, dass ich diesesmal sehr wenig Zeit habe und nur drei Tage in Rapcha bleiben kann.“ Pancha erwiderte: „Aber Rena, du bist doch eben erst gelandet und wir müssen heute noch die Einkaufsliste für den Kindergarten abarbeiten. Bist du denn nicht müde?“. Na klar war ich müde. Hundemüde sogar! Aber ich hatte keine Zeit, um mich dem Jetlag hinzugeben, denn die Projekte und die Besprechungen im Dorf waren viel wichtiger, erklärte ich ihm. Und ausserdem war ich froh, so schnell wie möglich aus Kathmandu rauszukommen, denn ich hatte schon wieder diesen ekelhaften Geschmack im Mund, welcher von den Abgasen und dem Smog kamen. Und auch der latente Kopfschmerz bahnte sich seinen Weg. Also so schnell wie möglich raus aus der Stadt.

Die Karre war vollgepackt bis unters Dach und auch auf dem Dach wurden noch Dinge festgezurrt und verstaut. Pancha und der Fahrer Jagadish waren schwer damit beschäftig, alles im Auto unterzukriegen. Ich verliess kurz vor fünf Uhr das Hotel und da lachte mich ein mir bekanntes Gesicht an. Purna, der Dorfpriester aus Rapcha und hochanerkannte Persönlichkeit der Dorfgemeinschaft, hatte sich als zusätzlicher Fahrgast angemeldet. Er hatte seine Verwandtschaft in Kathmandu besucht und war froh über die Mitfahrgelegenheit nach Rapcha. Mir war dies nur recht. Mit einem Priester an Bord konnte ja nichts schief gehen auf der langen Fahrt von Kathmandu nach Rapcha. Und so brachen wir überpünktlich zu unserer Reise in den Solukhumbu auf.

Tja, was soll ich sagen? So eine Fahrt nach Rapcha hat´s in sich und die Strassenverhältnisse haben sich seit meinem letzten Besuch auf keinen Fall verbessert. Stundenlang fuhren wir am Sun Kosi Fluss entlang, unzähliche Erdrutsche waren nur rudimentär beseitigt worden und ich war froh über jede Pause. Nach ein paar Stunden war ich genervt und konnte nicht mehr sitzen. Endlich bogen wir links ab und nun ging es die Berge hoch und runter. Auch kein Spass aber immerhin mal ein bisschen Abwechslung zum monotonen Flussbett. Von Weitem konnte ich die kleine Stadt Salleri schon sehen. Sie war eine wichtige Station auf meiner Fahrt. Dort mussten wir das Fahrzeug wechseln und umpacken, denn die Holperstrecke von Salleri bis Rapcha konnten nur kleinere und geländegängigere Allradwagen bewältigen. Aber kurz unterhalb von Salleri war Stopp. Eine liegengeblieben Strassenwalze blockierte die enge Bergstrasse. Was jetzt folgte, war filmreif. Jagadish, unser Fahrer, schlängelte sich mit Bravour am Stau vorbei und blieb hinter der Strassenwalze stehen. Er hupte. Und hupte. Und hupte nocheinmal. Aber die Strassenwalze wollte partou nicht den Weg frei machen. Kein Wunder! Sie war nämlich kaputt! Irgendwann hat auch Jagadish eingesehen, dass sein magisches Hupen keine Wirkung zeigt und machte Anstalten, rechts an der Strassenwalze vorbeizufahren. Pancha sprang aus dem Wagen und versuchte, ihn einzuweisen. Wie auch fünf andere Leute, die vorher ratlos um die Strassenwalze gestanden sind. Ich schaute Jagadish mit grossen Aufgen an. Meinte er es ernst? Ja, das tat er. Auf seinem Gesicht zeigte sich pure Entschlossenheit. Ok, dachte ich. Auf geht´s! Um die Strassenwalze machte ich mir weniger Sorgen, aber rechts von uns war eine große, tiefe Rinne. Sollte Jagadish auch nur den Hauch von der Strasse abkommen, wäre das unser vorläufiges Ende. Ich kniff die Augen (ja und auch die Pobacken) zusammen und hörte nur die Rufe und Pfiffe von draussen von den Einweisern. Millimeter für Millimeter fuhren wir an der Strassenwalze vorbei. Und tatsächlich! Jagadish hatte es geschafft! Und was war mit dem Priester Purna? Der schlief ganz selig auf der Rückbank und hatte von dem ganzen Spektakel nichts mitbekommen.

Nun hiess unser Fahrer Ratna und das Auto war ein Mahindra Bolero. Die Fahrgäste waren aber immer noch die gleichen, wie am Morgen, nur um 10 Jahre gealtert. Also zumindest ich fühlte mich so. Mittlerweile war es dunkel geworden und wir fuhren auf der Holperstrecke nach Rapcha mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von ca. 10 kmh. Kilometer für Kilometer kamen wir dem Dorf näher und meine Vorfreude wuchs mehr und mehr. Bis sie von einem liegengebliebenen Bolero vor uns jäh gestoppt wurde. So ein Mist! Was war denn jetzt schon wieder? Ich stieg aus, um mir die Beine zu vertreten und blickte in mir bekannte Gesichter. Die Fahrgäste des liegengebliebenen Fahrzeug waren allesamt aus Rapcha und nun gab es ein natürlich ein großes Hallo. In der Zwischenzeit hatte der Fahrer den Reifen gewechselt – das ging wesentlich schneller, als gedacht – das scheint er wohl schon öfters gemacht zu haben und weiter ging die wilde Fahrt.

Nach 305 Kilometern und 15 Stunden Fahrt auf Nepals Strassen hatten wir endlich unser Ziel erreicht. Kamans Lodge! Panchas ältester Bruder begrüßte mich freudig und bat mich hinein. Drinnen warteten Chandra, Jeevan, Maya, Rashmaya, Man Bahadur, Hasti Maya und natürlich mero Rasdhani, Kamans Frau, auf unsere Ankunft. Oh, welch ein schöner Empfang. Ich freute mich sehr, sie alle wiederzusehen. Schnell wurde das Auto ausgeladen, ich bezog mein altes Zimmer unter dem Dach und schon sassen wir beim gemeinsamen Abendessen. Doch schon bald übermannte mich die Müdigkeit und kurz darauf schlief ich selig in meinem Schlafsack.

Den Sonnenaufgang am nächsten Morgen hatte ich verschlafen, man sehe es mir bitte nach. Die lange Reise hing mir sehr in den Knochen. Etwas schlaftrunken ging ich nach unten in den Gastraum, machte mir einen Kaffee und trat auf den Balkon. Mit Schrecken stellte ich fest, dass Kamans Hundehütte weg war. Ich ging in die Küche und fragte Kaman, welcher gerade emsig dabei war, mir ein köstliches Spiegelei zu braten, wo sein Hund war. „Der ist umgezogen.“, meinte Kaman, „er wohnt jetzt bei den Hühnern unterhalb von unserem alten Haus.“. Schnell flitzte ich nach oben in mein Zimmer und kramte in meiner Tasche. Wo hatte ich sie denn bloss hingetan? Ah, da waren sie ja. Und schon war ich unten bei Kamans altem Hund, welcher auf mein Rufen sofort freudig mit der Rute wedelte, und beschenkte ihn mit köstlichen Hundekaustangen. Er hat wirklich ein sehr armseliges Dasein. An der kurzen Kette gehalten, voller Flöhe und total abgemagert schaute er mich mit treuen Augen an. Aber zumindest schien sein Husten, welcher ihn letztes Jahr so arg geplagt hatte, besser geworden zu sein.

Nach dem Frühstück machten Pancha und ich eine kleine Runde durchs Dorf bzw. zu den wichtigsten Stationen unserer Projekte. Als Erstes gingen wir zu Baustelle der neuen Schüler-Sanitäranlage. Drinnen als auch Draußen waren die Handwerker schwer beschäftigt. Es wurden Fliesen geschnitten und verklebt, am Vordach die Betonkante verputzt, eine Stützmauer errichtet, und der Maler verlieh der Rückseite schon den finalen Anstrich…Es herrschte emsiges Treiben und ich staunte nicht schlecht darüber, was die Arbeiter schon alles geschafft hatten. Es sah genau so aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Über das Design und die Farbauswahl der Fliesen kann man streiten, das ist bekanntlich ja Geschmackssache. Pancha erklärte, dass er für die Installationen der Rohre und Abflüsse einen Fachmann aus Kathmandu engagieren musste, da in der Region um Rapcha kein Fachmann zu finden war, der sich damit auskennt. So ein modernes Sanitärgebäude mit Spülungen, Waschbecken und Urinalen in der Gößenordnung kennt man hierzulande überhaupt nicht. Wir waren also wieder mal – wie auch damals beim Neubau des Kindergartens – absolute Vorreiter.

Im Anschluß gingen wir zum Boys Hostel, um zu sehen, wie gut sich die Jungs eingelebt hatten. Betreuungslehrer Jeevan, welcher mit den Schülern in der Jungenunterkunft wohnt, kam uns noch etwas schlaftrunken entgegen. Heute war Samstag und alle hatten frei. Der Samstag ist in Nepal wie bei uns der Sonntag. Meistens wird Wäsche gewaschen oder es werden Freunde und Verwandte besucht. Ich sah es Jeevan also nach, dass er noch nicht salonfähig war. Danach gingen wir hoch zum Girls Hostel. Hier herrschte schon etwas mehr Betrieb, denn die Mädchen waren draussen und wuschen ihre Wäsche. Dolma, die Betreuungslehrerin der Mädchen, trat aus dem Haus und begrüßte uns. Ich erschrack, wie schlecht sie aussah. Weiss wie die Wand und ziemlich müde kam sie mir entgegen. Wir wechselten ein paar Worte und mir kam da ein leiser Verdacht. Aber dazu später mehr. Ich warf noch einen Blick in das große Gewächshaus und schaute bei den zwei kleinen Schweinchen vorbei. Sie werden hoffentlich bald groß und kräftig sein und dem Girlshostel einen schönen Betrag einbringen, wenn sie auf dem Markt verkauft werden.

Der Kindergarten war heute geschlossen, aber dennoch wollte ich einen Blick auf das Gebäude und den Garten werfen. Und natürlich wollte ich den neuen „Wartepavillon“ sehen, dessen Bau wir letztes Jahr beschlossen hatten. Das kleine Gebäude sieht sehr ordentlich aus fügt sich gut auf dem Kindergartengelände ein. Ausgestattet mit Büchern und Broschüren können sich nun hier die Bringer und Abholer geschützt vor Wind und Wetter die Zeit vertreiben. Zum Ende unserer kleinen Erkundungstour schauten wir noch bei Ananda, dem damaligen Bauleiter des Kindergartens, und seiner Frau Mansali vorbei. Mansali war leider schon auf dem Feld, denn die Hirse musste geerntet werden, aber Ananda freute sich sehr über meinen Besuch und servierte mir eine Tasse dampfend heissen Kaffee.

Am Nachmittag hatte ich mein erstes Meeting in meinem Büro im Girls Hostel. Mit dem Management Team der beiden Schülerunterkünfte besprach ich die wichtigsten Themen. Soweit läuft alles planmässig und prinzipiell sind alle sehr zufrieden. Und dennoch klemmt es hier und da und dann muss ich immer versuchen, zwischen den Zeilen zu lesen und etwas nachbohren, um herauszufinden, wo der Schuh drückt. In diesem Fall waren es wieder einmal die Finanzen. Dhankumari erklärte, dass die Einnahmen gerade mal reichen, um die laufenden Kosten zu decken. Für Sonderausgaben war aber keine Rupie übrig. Die Betreuungslehrerin Dolma (sie war immer noch weiss wie die Wand) bemängelte, dass kein Sportequipment für die Mädchen vorhanden ist. Ein sportlicher Ausgleich sei aber sehr wichtig und fördert auch soziale Kompetenzen. Wir überlegten hin und her, wie man die Finanzsituation optimieren könnte. Wir kamen zu dem Schluß, dass im großen Gewächshaus noch mehr angebaut werden soll und der Überschuß an Obst oder Gemüse verkauft wird. Und natürlich hofften alle, dass die beiden Schweine so gewinnbringend wie möglich verkauft werden, wenn sie ausgewachsen sind. Dhankumari erzählte, dass die Schüler, welche in den Unterkünften wohnen, sich oft nicht mal eine Zahnbürste, Zahnpasta oder Seife leisten können. Dann springen die LehrerInnen ein und bezahlen diese Dinge aus eigener Tasche. Wie gut, dass ich einen Spendescheck in Höhe von 2000,- Euro dabei hatte. Ich wusste ja bereits vom letztjährigen Meeting, dass es finanziell bei diesen Dingen klemmt und die Freude bei den Anwesenden war dementsprechend groß. Ich fragte Jeevan, wie es im Boys Hostel läuft. Dieses war letztes Jahr in Betrieb genommen worden und nun war ich auf einen kurzen Bericht von ihm gespannt. Er meinte, dass er im Großen und Ganzen zufrieden ist, allerdings sei es manchmal äusserst schwierig, die Jungen zum Lernen zu motivieren. Sie wären recht faul und kommen nicht so recht in die Puschen. Dolma hingegen meinte, sie hätte mit den Mädchen diesbezüglich keinerlei Probleme damit. Ich lass das jetzt mal so stehen!

Mein erster Tag in Rapcha fand in Kamans Lodge einen gemütlichen Ausklang. Links von mir sassen der Dorfpriester Purna und Kaman, welche gerade eine Art „Roksi-Tasting“ machten (Roksi ist der lokale Hirseschnaps) und rechts von mir spielte Pancha mit Jeevan eine Runde Schach. Schuldirektor Man Bahadur und noch ein anderer Gast verfolgten das Spiel mit großer Spannung. Rasdhani und Hasti Maya hielten ein Pläuschchen und ich mittendrin als Teil der Gesellschaft. Herrlich! Es hätte nicht schöner sein können.

Langsam plagte mich mein schlechtes Gewissen. Ich hatte es wieder nicht geschafft, den Sonnenaufgang zu fotografieren. Mein Lieblingsberg, der Mt. Numbur, war bestimmt schon sauer auf mich. Aber die Sonne ging hier auch schon um kurz nach sechs auf und mein Jetlag, welcher sich jetzt doch sehr bemerkbar machte, hielt mich in meinem Schlafsack gefangen. Die Schule hatte sich für heute ein „kleines Willkommensprogramm“ für mich überlegt. Nach einem köstlichen Frühstück – ich weiss gar nicht, wo Kaman das immer alles herzaubert – samt frisch gemolkener Büffelmilch, welche mir Rashandi servierte, gingen wir rüber zur Shree Basakhali Secondary School. Ich warnte Pancha noch, dass ich bitte kein großes Tamtam möchte aber da war es natürlich schon zu spät. Als wir auf dem Schulhof ankamen standen alle Schüler – insgesamt ca. 275 – Spalier und bekränzten mich mit Blumenketten und Katas, die Kleinsten drückten mir noch Blümchen in die Hand und ich schien unter der Last der vielen Blüten um meinem Hals fast zu ersticken. Verzweifelt schaute ich mich nach Hilfe um. Rashmaya erkannte mein Problem und war sofort zur Stelle. Immer wieder nahm sie mir die Blumenketten ab, welche schwer auf meinen Schultern lagen, damit die restlichen Kinder wieder Platz hatten, um mich weiter zu bekränzen. Irgendwann hatte ich es geschafft, zur provisorischen Bühne zu gelangen und ich setzte mich durchgeschwitzt auf meinen Stuhl. Was nun folgte, war ein buntes Programm bestehend aus einigen Reden und folkloristischen Tänzen, welche die Schüler zum Besten gaben. Am Ende des Programms präsentierte Dolma einen wunderbaren Tanz, aber sie war mir immer noch zu weiss um die Nase. Unter ihrem schönen Kleid zeichnete sich ein Bäuchlein ab. Soweit ich wusste, hatte Dolma im vergangenen Jahr geheiratet. Ich fragte Pancha, der rechts neben mir sass, ob Dolma vielleicht schwanger ist. Pancha meinte, er hätte keine Ahnung. Ich erklärte ihm meinen Verdacht, aber er meinte, Dolma sähe so aus, wie immer.

Nach dem Willkommensprogramm flitzten Pancha und ich schnell zurück zu Kamans Lodge, um die Geschenke und die Sachen, welche wir in Kathmandu für den Kindergarten eingekauft hatten, abzuholen. Schwer bepackt mit Doko und Taschen gingen wir in den Kindergarten und da schallte uns auch schon ein zigfaches NAMASTE entgegen. Die Erzieherinnen Rashmaya und Maya Devi freuten sich sehr über das viele Bastelmaterial, welches wir dabei hatten. Aus Deutschland hatte ich noch einige Memory Spiele, Wasserfarben und einen riesigen Kasten mit Buntstiften mitgebracht. Der Kindergarten ist auf solche Spenden dringend angewiesen, denn die Schule hat dafür absolut kein Budget übrig. Am einfachsten ist es immer, wenn mir die Erzieherinnen einen Einkaufszettel zukommen lassen und ich die meisten Dinge dann in Kathmandu kaufe. Erstens ist es dort viel günstiger und zweitens habe ich ja nur eine bestimmte Freigepäckgrenze, welche ich jedesmal bis zum letzten Gramm ausreize. Ausserdem hatten mir die fleissigen Damen vom Stricktreff Bergneustadt wieder viele warme Socken für die Kinder mitgegeben, welche ich nun gemeinsam mit kleinen Haribo-Tütchen verteilte. Danach wurde getobt und gespielt, gesungen und gelacht. Der Kindergarten ist nach wie vor eines meiner Herzensprojekte und ich freue mich immer sehr, wenn ich dort ein wenig Zeit verbringen darf. Aber die Uhr tickte und ich musste meinen Zeitplan einhalten, um alles abgearbeitet zu bekommen. Schon kurz danach sass ich mit dem Management-Team des Kindergartens draussen im neuen Wartehäuschen und wir besprachen die wichtigsten Themen.

Nach einem späten Mittagessen hatte Pancha noch einen besonderen Punkt für mich auf der Agenda: er wollte mit mir die Schulklassen der 9. und 10. Stufe besuchen. Ich wusste davon nichts, aber wenn ich schon mal da bin, mache ich das natürlich gerne. Also wieder rüber zur Schule spaziert und kurz danach standen wir vor der ersten Schulklasse. Wir wollten herausfinden, welche Berufswünsche die Jugendlichen hatten und befragten sie dazu. Interessanterweise waren bei den Jungs die Berufe Influencer, Content Creator und Businessmen am beliebtesten. Bei den Mädchen waren es hingegen Krankenschwester, Anwältin oder Lehrerin.

Im Anschluß gingen wir noch zur Baustelle, Pancha musste dort noch einiges klären und ich machte noch paar Fotos zur Dokumentation. Da kamen zwei kleine Mädchen angerannt und sahen dem Fliesenleger ganz gespannt dabei zu, wie er das Außenwaschbecken verfliesste. Ich ging um das Gebäude herum und die zwei folgten mir. Ich dachte, sie wollten, dass ich ein Foto von ihnen mache, aber die zwei plapperten ganz aufgeregt mit mir und ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, was sie meinten, denn sie zeigten immer wieder auf ihre Füße. Und jetzt erst verstand ich, worum es ging! Sie hatten die Socken an, welche ich im Kindergarten an sie verschenkt hatte und die zwei wollten sie mir unbedingt zeigen. Ich fragte: „Ramro Cha?“ (Gut?) Die zwei nickten und lachten über meine schlechten Nepalesischkenntnisse.

Am Abend, ich sass gerade bei Kamans köstlichen Momos, ging die Tür der Lodge auf und Khasbir kam herein. „Namaste, Daksu, Rena!“, kam er mit einem strahlenden Lächeln auf mich zu. Was für eine schöne Überraschung! Ich freute mich sehr über das Wiedersehen mit Khasbir und erkundigte mich sogleich, wie es ihm letztes Jahr nach der OP ergangen war und ob er noch Beschwerden hätte. Zur Erklärung: als ich letztes Jahr mit Julia und Inga in Rapcha war, hat Julia die erste Operation in Rapcha durchgeführt. Khasbir litt damals sehr unter einem beulenartigem Gewächs hinter seinem rechten Ohr, welches immer größer wurde und manchmal unerträglich juckte. Julia verprach ihm Linderung und operierte ihn. Der OP war ein Klassenzimmer und Pancha war ihr Assistent und Gott sei Dank ist damals alles gut verlaufen. Ich befühlte und besah die operierte Stelle hinter Khasbirs Ohr und befragte ihn, ob er noch Schmerzen oder Beschwerden hatte. Alles Ramro Cha, meinte er. All good! Und dann setzte er sich neben mich und drückte mich und bedankte sich mit Tränen in den Augen bei mir. Ich meinte, das wäre doch gar nicht mein Verdienst. Julia war die Heldin. Also machten ich ein kurzes Video, in dem er sich persönlich bei ihr bedankte, und schickte es ihr direkt im Anschluß. Sie hat sich sehr über die guten Nachrichten gefreut. Als Khasbir sich auf den Heimweg machte, lud er mich für den nächsten Tag zum Mittagessen ein. Ich fragte Pancha, ob wir morgen genügend Zeit dafür hätten. Er meinte, es würde morgen ein langer Tag und es ständen einige Programmpunkte auf meiner Agenda. Aber wenn wir den Termin an der Grundschule erledigt hatten, könnten wir danach zu Khasbir gehen.

An meinem letzten Tag in Rapcha hatte ich es tätsächlich geschafft, den Sonnenaufgang am Mt. Numbur zu bestaunen. Sein weisses Gipfelkleid wurde von den ersten Sonnenstrahlen in ein sanftes Orange getaucht und es ist immer wieder beeindruckend, wie schön dieses Naturschauspiel anzusehen ist. Heut waren Pancha und ich schon früh unterwegs, denn wir hatten bereits um 7 Uhr einen Termin im Girlshostel. In lockerer Runde befragten wir die SchülerInnen, was aus ihrer Sicht besser laufen könnte und ob sie konkrete Verbesserungsvorschläge hätten. Im Anschluß ging ich zurück zu Kamans Lodge und dort sass Rasdhani auf dem Boden und fädelte Blumen an einer Schnur für eine Blumenkette auf. Im Korb neben ihr lagen schon ein paar fertige Exemplare. Na, für wen die wohl wieder waren?

Gegen halb zehn machten wir uns auf den Weg zur örtlichen Grundschule, denn ich hatte dieses Jahr auch dafür einen Spendenscheck in meiner Tasche. Bisher ging die Shree Aardasha Basic School all die Jahre leer aus, denn immer hatte alle Spenden die Sekundarschule erhalten. Nun war die Grundschule dran. Von Kamans Lodge aus gingen wir ca. 20 Minuten, bis wir an der Schule ankamen. Wir waren etwas zu früh und die Vorbereitungen für das kleine Willkommensprogramm waren noch im Gange. Ich begrüßte Schuldirektor Kumar Rai und er erklärte, dass er erst gestern erfahren hatte, dass wir auch seine Schule besuchen würden. Daher wäre man heute noch etwas im Stress, um im Schulhof alles aufzubauen. Ich kann es hundert mal sagen und alle Verantwortlichen darum bitten, kein großes Tamtam zu veranstalten: sie lassen es sich einfach nicht nehmen, ihre Gäste gebührend zu empfangen. Wegen mir bräuchte es diesen großen Aufwand überhaupt nicht. Im Gegenteil! Aber es ist ein wichtiger Teil ihrer Kultur und daher respektiere ich das natürlich. Langsam trudelten die ersten Eltern ein, welche ebenso wie alle ihre Kinder bei dem Willkommensprogramm zu Gast sein durften. Und kurz danach ging das kleine Fest auch schon los. Auch hier zeigten die Kinder folkloristische Tänze und es wurden natürlich einige Reden gehalten. Die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel und natürlich wurde ich wieder mit Blumenketten bekränzt. Mit Freude überreichte ich dem Schuldirektor den Spendenscheck und er war über die großzügige Summe von zweitausend Euro überwältigt, ja beinahe sprachlos. Ich kenne Kumar seit meinem ersten Besuch im Dorf. Damals, 2012, war er einer der ersten Dorfbewohner, welcher mich in sein Haus auf einen Tee eingeladen hatte. Als ich an die Zeit zurückdenke, musste ich etwas schmunzeln. War das wirklich schon so lange her? Seine Frau Narmaya war lange Zeit Erzieherin im Kindergarten, bevor sie auf eine Schule in Kumjung wechselte. Ich habe sie schweren Herzens gehen lassen, denn sie war eine tolle Erzieherin. Und auch ihr Mann leitet die kleine Grundschule mit viel Herz und Verstand. Hier war unsere Spende genau richtig.

Nachdem das Programm zu Ende war, wanderten Pancha und ich bergab zum Haus von Khasbir, welcher bereits mit einem köstlichen Mittagessen auf uns wartete. Er freute sich sehr, dass ich seiner Einladung gefolgt war und als Dessert präsentierte er mir stolz eine selbstgebackene Torte. Khasbir hatte sich nämlich vor ein paar Jahren mit einer kleinen Bäckerei selbständig gemacht und war ein leidenschaftlicher Bäcker. Ich kam nicht umhin, ein großes Stück von der Torte zu essen, welche er liebevoll mit sternförmigen Zuckerstreuseln dekortiert hatte. Leider hatten wir nicht viel Zeit und so mussten wir schon kurz danach Richtung Kamans Lodge aufbrechen. Der Weg führte uns nun steil bergauf, das machte aber nach dem üppigen Mittagessen nichts, und ich war froh um die Bewegung.

Für nachmittags war noch ein Meeting mit dem Management Team der Shree Basakhali Secondary School angesetzt, in welchem wir über Vergangenes und Zukünftiges sprachen. Ausserdem teilte uns die Lehrerschaft mit, an was es mangelt und was besser laufen könnte. Zum Beispiel gibt Lehrer Durgeshwar Sah an, dass es einen großen Mangel an Unterrichtsmaterial für den Chemie- und Physikunterricht gibt. Ausserdem gibt es an der Schule keinen Computerlehrer, obwohl ein Computer-Lab vorhanden ist. Seiner Meinung nach ist es wichtig, dass auch die Kinder in den ländlichen Regionen den Umgang mit dem Computer und den digitalen Medien lernen. Bhabi Raj Rai kritisiert die schlechte Stromversorgung an der Schule und im Dorf allgemein. Das kleine Kraftwerk, welches die Gemeinde vor vielen Jahren selbst errichtet hatte, liefert zu wenig Strom und oftmals ist die Stromversorgung stundenlang gekappt. Wenn im unteren Dorf viel verbraucht wird, kommt im oberen Dorf nichts oder nur wenig an. Dem konnte ich nur voll und ganz zustimmen und wendete mich direkt an Ortsvorsteher Chandra Rai, der ebenfalls an der Besprechung teilnahm. Letztes Jahr hatte ich bei meinen Wanderungen um und in Rapcha gesehen, dass die Regierung Strommasten aufgestellt hatte. Ich bat Chandra, dringend bei der Bezirksregierung in Salleri vorzusprechen und etwas Druck bezüglich dieser Sache zu machen.

Nach der Beprechung ging ich zurück zur Lodge und auf dem Weg dorthin erhaschte ich eine wunderschönen Blick auf den Mt. Numbur. Die letzten Sonnenstrahlen fielen auf seine schneebedeckten Felswände und ich erfreute mich an diesem Bild, welches mir wie ein Aquarell erschien. Für den Abend war das letztes Meeting meines Aufenthalts mit den Mitgliedern des RBC geplant, welche mich auch zum anschliessenden Abendessen eingeladen hatten. Dieser lokale Verein sammelt Spenden für einen Nothilfefond, welche der Bevölkerung von Rapcha zugute kommen. Vor zwei Jahren hatte ich mein erstes Treffen mit den Vereinsmitgliedern und ich war schwer beeindruckt von dem, was dieser Verein tut. Wenn ein Dorfbewohner wegen eines medzinischen Notfalls dringend Hilfe benötigt, organisiert der RBC diese und bezahlt- sofern genug Geld in der Vereinskasse ist – diese aus dem Fond. Da es in Rapcha keinen gibt, welcher über ein eigenes Auto verfügt, muss dies immer über lokale Dienstleister erfolgen und das kostet nicht nur viel Zeit, sondern auch viel Geld. Das nächste Krankenhaus befindet sich in Phaplu, etwa 40 km entfernt. Zu Fuß geht man (als gesunder Einheimischer wohlgemerkt!) ca. 10 – 12 Stunden. Einem kranken Menschen ist das absolut unzumutbar. Deshalb hatte ich heute für die Mitglieder des RBC einen ganz besonderen Vorschlag parat. Doch dazu später mehr.

Ich hatte mich gerade in der Gaststube von Kamans Lodge an den Tisch gesetzt und sah mir meine Aufzeichungen der einzelnen Besprechungen an, da kam Pradip, der Vorsitzende des RBC, mit einem Huhn auf dem Arm in die Lodge und rief nach Kaman. Ich meinte, dass Kaman drüben in seinem alten Haus sei. Pradip verschwand mit dem gackernden Huhn und ich sah ihm verwundert hinterher. Da kam mir ein Gedanke. Oh Gott! Das arme Tier! War sein Schicksal wegen mir besiegelt? Schnell lief ich rüber in Kamans altes Haus, aber es war leider schon zu spät. Der Kopf des Tieres war schon ab und Pradip war gerade dabei, die Federn auszurupfen. Mein Versuch, einen Mord zu verhindern, scheiterte kläglich. Die Henne hatte ausgegackert.

Langsam trudelten die Mitglieder des RBC ein und wir begannen unsere Besprechung pünktlich mit einer Stunde Verspätung. In Nepal sind Zeitangaben nur ein grober Richtwert. Daran hatte ich mich gewöhnt. Pradip und die anderen Mitglieder erklärten kurz nochmal die Hintergründe des Vereins und ich betonte, wie froh ich über ihre Initiative war, denn so sieht Hilfe zur Selbsthilfe aus. Der RBC leistet einen ungemein wichtigen Beitrag für die Dorfgemeinschaft von Rapcha, denn dieser Verein hilft, wo die Regierung versagt oder dazu nicht im Stande ist. Und das ist äusserst unterstützenswert. Daher freute ich mich, den Anwesenden mitzuteilen, dass Re:Help gerne ein Dorfgemeinschaftsfahrzeug finanzieren möchte. Oberste Priorität hätten Krankentransporte nach Phaplu und retour. Wenn keine Krankenfahrten anstehen, kann das Fahrzeug für kommerzielle Zwecke genutzt werden. Damit kann sich der RBC eine sichere Einkommensquelle für den Verein schaffen. Das Fahrzeug muss sehr geländegängig sein und den Herausforderungen der äusserst schwierigen Strassenverhältnisse Stand halten. Ausserdem muss ein versierter Fahrer gefunden werden, welcher über viel Erfahrung verfügt, damit die Fahrgäste immer sicher von A nach B kommen. Pradip war ganz aufgeregt und auch die anderen Mitglieder waren überwältigt von diesem großzügigen Angebot unseres Vereins. Natürlich muss ein Betreibungskonzept erstellt werden und Pancha wies eindringlich darauf hin, das die Unterhaltskosten vom RBC zu tragen seien. Pradip versprach, ein ordentliches Konzept zu erstellen und mir dieses zukommen zu lassen. Was kostet denn so ein Mahindra Bolero eigentlich?, mögen Sie, lieber Leser, sich jetzt vielleicht die Frage stellen. So ein geländegängiges, zuverlässiges Fahrzeug kostet um die 45.000,- bis 50.000,- Euro. Ja, da kann man schon mal Schnappatmung bekommen. Der hohe Preis ist dem geschuldet, dass Nepal auf alle importierten Fahrzeuge 300 Prozent Steuern verrechnet. Und weil der kleine Binnenstaat keine eigene Autoproduktion hat, müssen wir in diesen sauren Apfel beissen. Die Frage, ob sozial tätige Vereine in Nepal steuerbegünstig sind, stellt sich nicht. Das ist schlichtweg undenkbar. Pradip bedankte sich herzlich im Namen der Dorfgemeinschaft für diese „golden Opportunity“ und dann setzte ich dem Glück noch einen obendrauf und überreichte ihm eine Bargeldspende für den Nothilfefond. Er versprach hoch und heilig, dass der Betrag im Sinne der Vereinsstatuten des RBC verwendet wird.

Nachdem das Treffen mit dem RBC erfolgreich beendet war, wurde ein köstliches Hühnercurry aufgetischt. Sobald das Essen auf dem Tisch stand, verstummen die Gespräche und ein lautes Schmatzen ertönt von allen Seiten. Dies ist ein Zeichen, dass es sehr gut schmeckt und man das Essen geniesst. Ja, etwas gewöhnungsbedürftig, wenn man das noch nicht in der Lautstärke erlebt hat. Aber für mich war dies ein Zeichen, dass die Dorfbewohner keinerlei Scheu hatten, sich so zu geben, wie sie waren. Und das erfüllte mich mit Glück. Denn in den ersten Jahren meiner Rapcha-Aufenthalte war ich immer „Aussen vor“ und sass abends oft alleine über meinem Teller. Kein angenehmes Gefühl, aber da ich mich niemals aufdrängen wollte, habe ich mich auch nie beschwert. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, dass es ihrer Scham geschuldet war. Sie schämten sich dafür, wie arm sie leben und für ihre Manieren, für ihre von der schweren Arbeit wunden, dreckigen Hände, für die löchrige, schmutzige Kleidung, vielleicht auch für den Geruch, welche manche von ihnen an sich hatten. Aber das ist Vergangenheit und umso schöner war dieser Moment in Kamans Lodge. Ich war vielleicht nicht eine von ihnen, aber es fühlte sich für mich nicht so an. Oft schon hat mich Pancha „Rena Didi“ genannt, und sich dann sofort korrigiert und sich dafür entschuldigt. Didi bedeutet in Nepal ältere Schwester und die Bezeichung ist äusserst respektvoll gemeint. Ich fühlte mich also keineswegs dispektierlich angesprochen. Nachdem alle Teller leer waren fingen die Gespräche wieder an. Neben mir sass Dolmas Schwester, welche ebenfalls Mitglied im RBC ist. Pancha unterhielt sich mit ihr und meinte dann zu mir: „Rena, you are right!“. Ich sah Pancha an und fragte ihn, womit ich denn Recht hatte. „Dolma ist schwanger.“, erwiderte er. Wusste ich´s doch!

Zum Abschluß des Abends präsentierte Kaman noch eine zuckersüsse Torte, welche der RBC bei ihm in Auftrag gegeben hatte und mir wurde die Ehre zuteil, sie anzuschneiden und die Stücke gerecht aufzuteilen. Na wenigstens gab es keine Blumenketten. Wir hatten noch einen äusserst lustigen Abend, aber hinsichtlich meiner frühen Abreise am nächsten morgen- die Abfahrt war für fünf Uhr geplant – ging ich schon bald ins Bett. Ich sagte Kaman noch, dass er nicht aufzustehen bräuchte, um mir Frühstück zu machen. Mir reichen etwas Obst und Kaffee. Und schon bald gingen auch die anderen Gäste nach Hause und durch die dünnen Wände konnte ich laut und deutlich Panchas Schnarchen hören. Er war ziemlich erkältet und seine Nase verstopft.

Am nächsten Tag, es war noch stockfinstere Nacht, packte ich meine Sachen und ging um viertel nach vier in den Gastraum, um mir einen Kaffee zu machen. Und wer war da schon emsig in der Küche beschäftigt? Natürlich! Kaman. Er machte für den Fahrer Ratna und Pancha das Frühstück und fragte, ob ich wirklich nichts wollte. Nein, danke. Die Strecke nach Kathmandu lag mir auch ohne üppigem Frühstück schon jetzt schwer im Magen. Auch Rasdhani war schon auf den Beinen, sie liess es sich nicht nehmen, mir eine gute Reise zu wünschen. Und so verabschiedeten wir uns herzlich und ich sagte ihnen, dass wir diesesmal alle nicht traurig sein dürfen, denn ich komme ja bereits in wenigen Wochen zurück ins Dorf. Gemeinsam mit Freunden und meinem Mann Achim werden wir in der Weihnachtszeit dieses kleine Dorf mit seinen liebenswerten Bewohnern besuchen und meine Vorfreude darauf ist bereits jetzt riesig. Und das Schöne daran ist, dass ich alle Meetings und Besprechungen erledigt habe und dann auch einfach mal nur „Touristin“ sein darf.

Nach einer schier endlosen Rückfahrt und einer dicken Rush Hour kurz vor Kathmandu, welche mich fast den letzten Nerv gekostet hatte, kamen Pancha und ich fast exakt 15 Stunden später an meinem Hotel an. Am nächsten Morgen stellte ich mir die Frage, ob sich die insgesamt dreissig Stunden Autofahrt über die katastrophalen Strassen Nepals für drei Tage Aufenthalt in Rapcha gelohnt hatten. Ich kann diese Frage ganz klar mit einem JA beantworten. Und sogar wenn es nur für zwei Tage gewesen wäre. Keine Strapaze kann so anstrengend sein, dass ich diese nicht auf mich nehmen würde, um in dieses Dorf zu kommen.